Nur ein Vorzeichenwechsel?

Nur ein Vorzeichenwechsel?

Auf der Suche nach musikpädagogischen (Neu-)Orientierungen im Spannungsfeld aktueller gesellschaftlicher Veränderungen

Beitrag erschienen in üben & musizieren 1/2018

 

Lange Zeit bemühte sich die Musikpädagogik, ihre gesellschaftliche Relevanz durch Transfereffekte zu untermauern: Musizieren mache die Menschen intelligenter, sozialverträglicher und insgesamt irgendwie besser. Doch nun dreht sich der Spieß um: „Unter dem Schlagwort der ‚Third Mission‘ werden Hochschulen immer drängender dazu aufgerufen, neben Lehre und Forschung weitere Formen der Wertschöpfung zu entwickeln und die diesbezüglichen Leistungen zu messen und zu optimieren“, so Franz Kasper Krönig, Professor für Elementardidaktik und Kulturelle Bildung an der TH Köln.

In den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ist der gesellschaftliche Nutzen allerdings nur schwer zu erfassen. Die vermeintlichen Transfereffekte, die bislang als „Heraustellungsmerkmal“ genutzt wurden, werden zunehmend auch offiziell eingefordert. Dies hat zur Folge, dass auch die Fakultäten an Musikhochschulen nun „sozial innovativ“ sind, „zivilgesellschaftliches Engagement“ beweisen und sich als „weltoffen und diversitätsgerecht“ präsentieren.

Doch kann ein Engagement, das von mächtigen ökonomischen und politischen Akteuren „bestellt“ wird, überhaupt „richtig“ sein? Dies war nur eine der vielen spannenden Fragen, die Krönig in seinen Überlegungen zu musikpädagogischem Engagement in Zeiten der „Educational Governance“ aufwarf. Krönigs Vortrag eröffnete ein Symposium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, das unter dem Motto „Nur ein Vorzeichenwechsel?“ musikpädagogischen (Neu-)Orientierungen im Spannungsfeld aktueller gesellschaftlicher Veränderungen nachging.

Unter Educational Governance versteht man die Lenkung von Strukturen und Prozessen der Bildung durch eine Gesellschaft, einen Staat oder eine internationale Gemeinschaft. Doch an wessen Seite, so Franz Kasper Krönig, „kämpfen“ wir da eigentlich in Zeiten von Neoliberalismus und einer Moralisierung des Kapitalismus, die dazu führt, dass auch multinationale Großkonzerne wie Wal-Mart sich längst Werte wie etwa Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben? Wer steuert hier eigentlich wen? Und wie geht die Musikpädagogik damit um, wenn Engagement zunehmend von überwiegend nicht demokratisch legitimierten „Mächtigen“ wie Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder gar Großkonzernen gefördert und definiert, verwaltet und eingefordert wird?

„Gut gemeintes pädagogisches Engagement scheint nicht mehr auszureichen, wenn es sich einem Spannungsfeld ausgesetzt sieht, das von politischen Vereinnahmungen bis hin zu handfesten kulturellen Auseinandersetzungen reichen kann.“ So formulierten es die Initiatoren Ivo Berg, Hannah Lindmaier und Peter Röbke bereits in ihren Vorüberlegungen zu dieser Veranstaltung. Und wie schnell „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“ werden kann, zeigt die Aussage eines Geflüchteten, die Peter Röbke, Professor für Instrumental- und Gesangspädagogik und Vorstand des Wiener Instituts für musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren, in seiner Begrüßung zitierte: „Erst in der multikulturellen Musikschulgruppe habe ich erfahren, dass ich Syrer bin.“

Notwendig ist also ein stetes Reflektieren der eigenen Position. Denn nur zu gerne sehen sich Musikpädagoginnen und -pädagogen auf der Seite des „Wahren, Schönen und Guten“. Doch wer definiert, was wahr, schön und gut ist? Barbara Hornberger, Professorin für die Didaktik populärer Musik an der Hochschule Osnabrück, ging in ihrem Vortrag der Frage nach, was wir uns „ein-bilden“ bzw. wie Musik und Kultur wahrgenommen und konzeptioniert wird. Wer hat die Deutungshoheit im Bereich der kulturellen Bildung und entscheidet darüber, was unterrichtenswerte „Hoch-“ und was „Massenkultur“ ist? Wie steht es um Wolfgang Amadeus Mozarts Briefe im Vergleich zu Justin Bibers Twitter-Account? „Die Idee davon, was Musik ist und was sie leistet, ist durchzogen von tradierten Vorannahmen und Hegemonien, von ideologischen Aufladungen und Zuschreibungen, die für Theorie und Praxis der Musikpädagogik von erheblicher Bedeutung sind“, so Hornberger.

Vereinnahmungen seitens der Politik, soziale und gesellschaftliche Herausforderungen, Arbeit mit Geflüchteten, Inklusion als gesetzliche Forderung, Kooperationsprojekte etc.: Für Musikpädagoginnen und -pädagogen wird es immer schwieriger, sich der eigenen (beruflichen) Identität zu vergewissern – und auch noch die Identitätsarbeit ihrer Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. „Wie lässt sich die Suche nach einer eigenen Stimme in der Kakofonie der musikalischen ‚communities of practice‘ sinnvoll begleiten?“, fragte daher Natalia Ardila-Mantilla, Professorin für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Schließlich sollen Musikschulen ihre Schülerinnen und Schüler „nicht nur zu einem persönlich befriedigenden Musizieren, sondern auch zur Teilnahme an und zur Gestaltung von Musikkulturen befähigen“. So fordert es etwa der Lehrplan der Konferenz der österreichischen Musikschulwerke (KOMU). Doch während wir uns in der Vergangenheit oftmals noch auf ein „Identitätsgehäuse“ verlassen konnten, findet in der Gegenwart zunehmend eine „postmoderne Entrahmung“ statt, so Ardila-Mantilla.

Die Arbeit am Identitätsprojekt wird zu einer lebenslangen Aufgabe, die nur dann zum Erfolg führt, wenn es Lehrenden wie Lernenden immer wieder gelingt, „soy yo!“ (spanisch für „Ich bin!“) zu sagen. Diese griffige Formel war der Ausgangs- und Zielpunkt der in Kolumbien aufgewachsenen Referentin Natalia Ardila-Mantilla, künstlerisch zum Ausdruck gebracht in einem Video zum Song Soy yo der kolumbianischen Band Bomba Estéreo (auf YouTube unter www.youtube.com/watch?v=bxWxXncl53U). Die Voraussetzungen dafür sind zum einen materielle Ressourcen. Denn die Aufforderung, sich selbstbewusst zu inszenieren, habe ohne Zugang zu den erforderlichen Ressourcen etwas Zynisches, so Ardila-Mantilla. Aber auch die Kontexte sozialer Anerkennung seien zu beachten, ebenso die Fähigkeit zum Aushandeln sowie Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Nicht zuletzt bedeute dazuzugehören immer auch, einen Teil seiner eigenen Identität zu verleugnen.

Bei all den Anforderungen, die heute an Musikpädagoginnen und -pädagogen herangetragen werden, könnte die erste Herausforderung darin bestehen, angesichts dieser Situation nicht zu verzweifeln. Da könnte es nicht schaden, öfter einmal einen Schritt zurückzutreten, die eigene Situation zu analysieren und einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Auch dafür hatte Natalia Ardila-Mantilla ein bedenkenswertes Beispiel: „Ich bin in Kolumbien aufgewachsen, einem der gefährlichsten Länder der Welt. Ich finde die Situation in Europa eigentlich gar nicht so schlimm!“ Sich auch von außen zu betrachten, wäre vielleicht ein guter Anfang…