Simplicius Simplicissimus

Karl Amadeus Hartmann

Simplicius Simplicissimus

Juliane Banse, Peter Marsch, Will Hartmann, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra, Netherlands Radio Choir, Ltg. Markus Stenz

Challenge Classic CC 72637, 2 CDs

 

Rezension erschienen in das Orchester 1/2015

 

Endlich! –So der erste Gedanke angesichts dieser Neueinspielung von Karl Amadeus Hartmanns Oper Simplicius Simplicissimus. Zwar findet Hartmanns Werk immer häufiger den Weg auf die großen Bühnen, auf CD jedoch lag die Neufassung des Simplicius Simplicissimus bislang nur in einer einzigen Einspielung vor: mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks von 1985 (veröffentlicht 1995 bei Wergo). 2009 veröffentlichte wiederum der Bayerische Rundfunk (auf BR Klassik) Hartmanns Frühfassung Des Simplicius Simplicissimus Jugend, diesmal mit dem Münchner Rundfunkorchester und Camilla Nylund in der Hauptrolle.

Nun also nimmt sich Markus Stenz mit dem Netherland Radio Philharmonic Orchestra der Spätfassung an. Das Orchester löst seine Aufgabe hervorragend und bringt hörbar frischen Wind in Hartmanns Musik. Das Orchester klingt knackig und direkt, Hartmanns diffizile Rhythmik ist stets durchhörbar. Die Ouvertüre klingt bei den Niederländern deutlich schneller als in der Einspielung der Münchner aus den 1980er Jahren. Doch nimmt man überrascht zur Kenntnis, dass der reale Zeitunterschied zwischen den Einspielungen nur vier Sekunden beträgt! Die Niederländer hetzen also keineswegs, erwecken jedoch mit ihrer frischen, durchsichtigen Musizierweise den Höreindruck einer raschen, straffen Interpretation. Auf der anderen Seite verfügt das Orchester auch über die Fähigkeit, in den gefühlvollen Passagen – etwa im Zwischenspiel oder beim Tod des Einsiedlers – den nötigen Schmelz zu erzeugen, der Hartmanns Musik erst richtig zum Blühen bringt.

Leider können die gesanglichen Leistungen mit dem hohen Niveau des Orchesters nicht durchgehend mithalten. Juliane Banse braucht etwas Zeit, um sich auf ihre Rolle einzulassen. Ihre volle, vibratoreiche Stimme will zunächst nicht richtig passen zur Figur des unbedarften Kindes Simplicius. Hier wäre eine knabenhaftere Stimmführung von Nöten gewesen. Im Fortgang der Oper jedoch singt Juliane Banse sich frei, wobei ihr sicher auch die Entwicklung der Figur des Simplicius vom unbedarften Narren zum weisen Seher entgegenkommt.

Die Männerstimmen können durchweg überzeugen, der Chor hingegen bekommt in den sehr schnellen Sprechgesangsabschnitten Probleme mit der Durchhörbarkeit und Textdeklamation. Dies könnte auf leichte Sprachprobleme mit dem Deutschen zurückzuführen sein. Besonders negativ wirkt sich dies beim holländischen Sprecher Harry Peeters aus. Die Rolle des Sprechers nimmt in Hartmanns Oper großen Raum ein und erfüllt eine dramaturgisch wichtige Funktion. Der Bericht von den grauenhaften Folgen des Dreißigjährigen Krieges klingt hier seltsam leidenschaftslos. Vollends versagt der Sprecher bei der Rezitation des barocken Gedichts von Andreas Gryphius im Zwischenspiel. Nicht nur, dass Harry Peeters mit der barocken Sprache hörbar Verständnisprobleme hat, passieren ihm leider auch drei zum Teil sinnentstellende Fehler! Dass dies bei einer CD-Produktion dieses Niveaus nicht korrigiert wurde, ist unverständlich und schmälert den Gesamteindruck der Produktion. Schade: Die herausragende Leistung des Orchesters hätte eine größere Sorgfalt verdient gehabt.