Kaminski ON AIR 1

Kaminski ON AIR 1

Der Ring des Nibelungen nach Richard Wagner, Buch & Regie: Stefan Kaminski, 4 DVDs

Die Theater Edition, www.theateredition.com

 

Rezension erschienen in das Orchester 4/2013

 

Über die Sprache in Richard Wagners Musikdramen ist bereits alles gesagt und geschrieben worden. Und während die einen mit Zitaten vom „schlecken Geschlüpfer“ auf jeder Party die Lacher auf ihrer Seite haben, stehen die anderen fasziniert vor einem Sprachkunstwerk, mit dem Wagner nichts weniger versucht hat, als die Sprache selbst musikalisch zum Klingen zu bringen. Dennoch: Sich nur mit dem Text auf die Bühne zu wagen und ohne Wagners Musik den Ring an vier Abenden als Schauspiel aufzuführen – auf diese Idee ist vielleicht denn doch noch niemand gekommen.

Oder doch? Stefan Kaminski jedenfalls ist dem Reiz von Wagners Sprache erlegen und hat im Rahmen seiner Live-Hörspiel-Soloabende „„Kaminski ON AIR““ am Deutschen Theater Berlin an vier Abenden den Ring auf die Bühne gebracht. Als Alleinunterhalter im besten Sinne verkörpert Kaminski alle Rollen in einer Person, nur unterstützt von Hella von Ploetz an der Glasharfe, Sebastian Hilken am Kontrabass und Schlagzeug, wenigen selbstgemachten Requisiten sowie einer kongenialen Lichtregie.

Ausgangspunkt seiner improvisatorischen Annäherung ist Wagners Libretto, das Kaminski auf ca. 90 Minuten pro Oper kürzt, wobei manche Nebenrollen gestrichen werden; ihr Text wird gegebenenfalls auf andere Figuren verteilt. Mit dieser Textgrundlage beginnt im Team die Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten, einfachsten Requisiten, Licht und vor allem Geräuschen und Geräuscherzeugern. Zum Teil hält sich Kaminski nahezu wörtlich an Wagners Text, an anderer Stelle sucht er neue Worte in heutiger Sprache. Die Riesen etwa treten als berlinernde Bauarbeiter auf, die klassenkämpferisch ihre gerechte Entlohnung einfordern. „„Die Riesen im ‚Rheingold‘‘ sind mir besonders wichtig““, so Stefan Kaminski, „„weil sie mein erster Anlass waren, die Sprache Wagners zu verfremden, heutiger zu machen.““ Für die Rolle des Loge, einer zentralen Figur im Rheingold, geht Kaminski in seinem „„Ring von unten““ noch weiter und lässt ihn als Rapper auftreten, um mit „Musik von der Straße“ auch musikalisch ein Verfremdungselement hinzuzufügen.

Falls nun angesichts des bisher Beschriebenen manchen Wagner-Liebhaber das Grausen befällt, so sei er an Loriot erinnert, dem es in seinem Ring an einem Abend so mitreißend gelingt, bei aller Komik ein psychologisch differenziertes Bild der Wagner’schen Figuren zu zeichnen. Ähnlich bei Stefan Kaminski: Seine hinreißende Bühnenperformance, seine exaltierte Mimik und effektvolle Sprache, sein Pendeln zwischen Komik und Ernsthaftigkeit, seine Suche nach ungehörten Klängen von Glasharfe und Theremin – das alles verbindet sich zu einem rauschhaften Sog, der die Figuren in einer neuen Schärfe und Direktheit darstellt, wie man sie bei einer Opernaufführung des originalen Ring nur schwer wird erleben können.

Neugierige können auf der Website www.kaminski-on-air.de zu jeder Oper ein „Making of“-Video ansehen. Dort findet man auch die Termine von Kaminskis Liveauftritten mit seinem Ring-Projekt, mit dem er im Wagner-Jahr außer in Berlin auch noch in Wien, Frankfurt und Bayreuth zu sehen sein wird. Die DVDs sind sowohl als Box als auch einzeln erhältlich.