Untermieter im Hause des Herrn

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Tom Green und seine fünf Ehefrauen: „Ein Harem in Utah“ (Arte)

Beitrag erschienen in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. August 2001

 

Wenn Mutter und Tochter im Abstand weniger Stunden je einen Sohn vom selben Mann zur Welt bringen, so ist der Sohn der Jüngeren zugleich der Enkel der Älteren, sein Fast-Zwillingsbruder hingegen auch der Bruder der Mutter seines Bruders. Solch komplizierte und eher ungewöhnliche Verwandtschaftsverhältnisse zu erklären fällt den fünf Frauen von Tom Green nicht schwer: Sie leben in Vielehe (Polygamie) und sind es gewohnt, daß familiäre Konstellationen entstehen, die der monogam lebenden Mehrheit der Weltbevölkerung die Haare zu Berge stehen lassen.

In Utah, der Heimat der Mormonen, und in anderen amerikanischen Bundesstaaten leben schätzungsweise dreißigtausend Menschen in Vielehe. Die Dokumentation „Ein Harem in Utah“ von Jane Treays, die im Rahmen des Arte-Themenabends „Viel Weib, viel Ehr?“ ausgestrahlt wird, gibt einen Einblick in das Leben einer Familie, die am Rande der Zivilisation und außerhalb der Legalität lebt. Denn auch in Utah ist Polygamie strafbar, selbst die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, wie die Mormonensekte offiziell heißt, hat die Mehrehe schon 1890 verboten. Doch die religiösen Fundamentalisten haben dieses Verbot nie anerkannt: Polygamie ist für sie ein unabdingbarer Bestandteil des wahren Glaubens.

Die Familie Green hat sich in ein Containerdorf in der Wüste zurückgezogen. Die Frauen schätzen es, gemeinsam schwanger zu sein: So kommen die Kinder in „Staffeln“ zur Welt, die alphabetisch durchnumeriert werden. Tom Green und seine fünf Frauen sind bei der E-Staffel angelangt. Der zweiundfünfzigjährige Green ist Vater von sechsundzwanzig Kindern.

Jane Treays geht in ihrer Dokumentation behutsam vor: Sie nimmt die Greens ernst, bemüht sich um eine neutrale Schilderung und versucht nicht, ihre Gegenüber in die Ecke zu drängen. So ist ein sehr ruhiger Film entstanden, der zwischen den Zeilen zu überraschenden Einsichten führt. In den Gesprächen mit den Ehefrauen über Familie, Eifersucht, Sexualität und Religion wird deutlich, wie innerhalb der streng patriarchalen Familienordnung plötzlich matriarchale Strukturen entstehen. Die Frauen regeln das Familienleben, sie bestimmen, welche von ihnen wann die Nacht mit dem Ehemann verbringt: Er selbst hat kein Recht, sexuellen Kontakt einzufordern. Tom Greens Pläne, sich eine sechste Ehefrau zu nehmen, werden von den anderen Frauen unterstützt. Die meisten von ihnen wurden im Alter zwischen vierzehn und sechzehn verheiratet, und auch die neue Auserwählte ist erst sechzehn Jahre alt. Der Vorwurf, daß er in anderen Staaten wegen sexuellen Mißbrauchs belangt würde, kann Tom Green nicht aus der Fassung bringen. Die Vielehe gründet nach mormonischem Verständnis auf dem Alten Testament, wo Sara ihrem Mann Abraham eine Nebenfrau zuführte, die ihm Nachkommen schenkte. Der Bund mit mehreren Frauen wird vor Gott geschlossen und dient ausschließlich der Vermehrung der Gäubigen.

Dem hermetischen Denken der Mormonen ist schwer beizukommen. Wenn die Ehefrauen auf die Frage, ob sie nicht eifersüchtig auf die „Neue“ seien, antworten, daß sie nur dann glücklich seien, wenn der von ihnen geliebte Mann glücklich sei, so mag für den Zuschauer diese Selbsterniedrigung schwer zu ertragen sein. Die Frauen finden dennoch Erfüllung in ihrem Dasein, ihr Glück und ihre Zufriedenheit sind ehrlich und befördern den Respekt vor einer Lebensweise, die allen Beteiligten viel Geduld und Achtung füreinander abverlangt. Die meisten Polygamisten verbergen sich vor der Öffentlichkeit, im Geheimen wurde die Polygamie in Amerika seit langem stillschweigend geduldet. Doch Tom Green trat mit seinen Frauen in Talkshows auf und erzählte von seinem Leben. Damit hat er offensichtlich den Staat Utah und auch die Mormonenkirche herausgefordert, die um ihren Ruf fürchten: Seit Mai muß Green sich wegen Polygamie und Vergewaltigung vor Gericht verantworten. Sollte er schuldig gesprochen werden, droht ihm eine Freiheitsstrafe von bis zu fünfundzwanzig Jahren. Das Urteil soll morgen verkündet werden.

Heute abend um 21.40 Uhr bei Arte