Ohrenkitzel

Ohrenkitzel

YouTube-Videos erkunden flüsternd den Klang der Dinge

Beitrag erschienen in Neue Gesellschaft|Frankfurter Hefte 10/2019

 

Es „war einfach ungeheuer, was es [in China] alles Fremdartiges und Merkwürdiges zu sehen gab. Zum Beispiel die Ohrenputzer! Die Ohrenputzer arbeiteten so ähnlich wie bei uns die Schuhputzer. Sie hatten auf der Straße bequeme Stühle aufgestellt, darauf musste man sich setzen. Und dann wurden einem die Ohren geputzt. Aber nicht nur so einfach mit dem Waschlappen, o nein! Das war eine lange und kunstvolle Prozedur. Jeder Ohrenputzer hatte ein kleines Tischchen mit einer silbernen Platte und darauf lagen unzählige kleine Löffelchen und Pinselchen und Stäbchen und Bürstchen und Wattebäuschchen und Döschen und Töpfchen. Und damit machte er sich ans Werk. Die Chinesen gehen sehr gerne zum Ohrenputzer. Erstens natürlich aus Reinlichkeit, zweitens aber auch, weil es so angenehm kitzelt und kribbelt, wenn der Ohrenputzer ganz vorsichtig seine Arbeit verrichtet.“ Dass in allen Auflagen von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer seit 1981 das Land nicht mehr China heißt, sondern den Fantasienamen „Mandala“ trägt, ist eine andere Geschichte…

Schon als Kind konnte man sich beim Lesen dieser Passage aus Michael Endes Kinderbuch-Klassiker – bei entsprechend lebendiger Fantasie – das angenehme Gefühl im Ohr ganz genau vorstellen. Und dann entstand ein angenehmes Kribbeln auf der Kopfhaut und zog sich langsam den Rücken hinunter. Für all jene, die sich ihren Kindheitswunsch, sich auch einmal in China die Ohren kitzeln zu lassen, noch nicht erfüllen konnten, gibt es nun eine günstigere Alternative: Eine große Zahl von ASMR-Videos auf YouTube lässt den Usern eine virtuelle Ohrreinigung zukommen.

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