Der Ring des Nibelungen

Richard Wagner

Der Ring des Nibelungen

Salzburger Marionettentheater

BelAir Edition 10138

 

Rezension erschienen in das Orchester 12/2013

 

Der Ring des Nibelungen ist trotz seiner inkommensurablen Ausmaße sicherlich Wagners populärstes Werk. Daran dürften J.R.R. Tolkien und Loriot nicht ganz schuldlos sein: Ersterer hat mit seiner Trilogie Der Herr der Ringe den Kampf um den Ring, der unbegrenzte Macht und Weltherrschaft verheißt, in populärer Form niedergeschrieben; Letzterer hat Wagners Tetralogie auf „menschliches Maߓ zurechtgestutzt und eine für viele Menschen nachvollziehbare und Neugier weckende Deutung geliefert.

Seit Loriots Ring an einem Abend wurden immer wieder in unterschiedlicher Form Zusammenfassungen des Rings auf die Bühne gebracht oder auf DVD gepresst. Im Wagner-Jahr ist jetzt auch eine Version des Salzburger Marionettentheaters auf DVD erschienen. Freunde des Puppentheaters wissen schon lange, wie gut sich mancher Opernstoff für das Spiel mit Marionetten eignet, angeführt sicherlich von Mozarts Zauberflöte. Nun also Wagners Ring für Marionettentheater? Warum nicht!

Doch die Vorfreude auf eine anregende Deutung des Wagner’schen Epos weicht sehr rasch der Ernüchterung. Zu den Puppen treten zwei menschliche Mitspieler (eine Frau und ein Mann) hinzu, die einerseits die Szenen als Schauspieler bereichern (z. B. in der Rolle der beiden Riesen), andererseits als Erzähler die Handlung vorantreiben und kommentieren. Hier nun liegt die Latte, die Loriot mit seiner Fassung aufgelegt hat, deutlich zu hoch: Die Dialoge klingen oft so hölzern wie die Puppen, die zu sehen sind; psychologische Feinheiten sind nicht Sache dieser Inszenierung, hier herrscht oft eher schenkelklopfender Humor und eine Tendenz zum Banalen. Für diese Form von Brettltheater eignen sich Opern wie Die Zauberflöte und Hänsel und Gretel oder auch die Operette Die Fledermaus (alle im Spielplan des Salzburger Marionettentheaters) sicher sehr gut. Ob man einem Werk wie Wagners Ring des Nibelungen jedoch auf diese Weise nahe kommt, scheint fraglich.

Wer die Handlung nicht kennt oder sich im umfangreichen Booklet nicht ausführlich informiert, wird Probleme haben, dem Gang der Handlung zu folgen. Genau dies jedoch sollte eine populäre Zusammenfassung eines komplexen Meisterwerks doch gerade ermöglichen. Figuren stehen plötzlich auf der Bühne, die nicht eingeführt wurden (Donner und Froh), die Szene mit Erda im Rheingold (für die Tetralogie durchaus zentral) entfällt komplett, als Erzähler fungieren mal die menschlichen Mitspieler, mal Loge……

Am ärgerlichsten jedoch ist, dass diese Bühnenfassung Wagners Musik nicht ernst nimmt. Hier wird in den Gänsehaut hervorrufenden Beginn des Rheingolds hemmungslos hineingequatscht, die verkürzenden Schnitte in der Musik offenbaren mangelnde Sensibilität für den musikalischen Spannungsverlauf. Selbst am Ende eines Handlungsabschnitts bleibt keine Zeit zum Luftholen: Der Schluss des Rheingolds darf nicht verklingen, sondern wird nahtlos in einen neuen Abschnitt aus der Walküre überführt.

Wie spannend hätte es doch werden können, wenn das Salzburger Marionettentheater seine unbestrittene Puppenspielkunst und seine vielen witzigen Inszenierungsideen mit der Genialität der Loriot’schen Kurzfassung vereinigt hätte!