das wetter in offenbach

Thomas Stiegler / Hannes Seidl

das wetter in offenbach

Edition Wandelweiser Records 1310

 

Rezension erschienen in Neue Zeitschrift für Musik 5/2014

 

Wie klingt meine Stadt? Darüber hatte ich mir als Einwohner Offenbachs noch nie Gedanken gemacht. Welche Klänge könnten Offenbach charakterisieren? Fluglärm (Offenbach ist eine der am stärksten unter Fluglärm leidenden Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet), die Fan-Gesänge der Kickers-Fans im Stadion am Bieberer Berg oder einfach ausländischer Stimmenklang und fremdartige Musik (der Anteil der Nicht-Deutschen in Offenbach beträgt 31,8 Prozent).

Thomas Stiegler ist in seinem Klangporträt das wetter in offenbach einen anderen Weg gegangen. Er zeichnete Klänge in typischen Offenbacher Institutionen auf: beim Deutschen Wetterdienst, in der Bundesmonopol-Verwaltung für Branntwein sowie in einer kleinen Feintäschnerei, die auf Offenbachs industrielle Vergangenheit als „Lederstadt“ verweist: „Laut Herrn Hammann sen. ist der Klang des Hammers auf dem Scherfstein besonders charakteristisch für das Handwerk des Feintäschners.“ Es bleibt dies einer der wenigen Hinweise Stieglers auf die von ihm verwendeten Geräusche.

Thomas Stiegler ist in seltener Doppelbegabung Komponist und Mediziner. Er arbeitet als Oberarzt für Innere Medizin und Nephrologie im Klinikum Offenbach und lebt in Frankfurt: „Seit vielen Jahren fahre ich jede Woche etwa fünfmal nach Offenbach. Und wieder zurück nach Frankfurt. [……] Meine erste Idee für ein Hörstück über Offenbach war ein Mitschnitt solch einer Fahrt.“ In seinem gemeinsam mit Hannes Seidl gestalteten Stadt-Klangporträt ist von einer (Fahrrad-)Fahrt oder auch von einem nachvollziehbaren räumlichen Klangverlauf allerdings nichts mehr zu bemerken. Vielmehr handelt es sich um eine Reihung mehrheitlich industriell verorteter Geräusche, die mit Naturaufnahmen (Wasser, Vögel) teils überlagert, teils hart geschnitten werden. Die Klangergebnisse dieser Feldaufnahmen wurden mittels einer Partitur, auf der Sinustongemische und Pausen notiert waren, organisiert, sodass sich eine Abfolge von Geräuschen und Sinusklängen ergibt.

das wetter in offenbach entstand 2010 als Auftragskomposition für den Hessischen Rundfunk und wurde zuerst in der Sendereihe „Hessen hören“ gesendet. Das Klangporträt hat jedoch nicht nur lokale Gültigkeit, sondern eröffnet differenzierte Hörräume, die aufmerksam und mit sensiblen Ohren erkundet werden sollten. So manche diffizile Abmischung und Geräuschüberlagerung erschließt sich erst beim Hören mit Kopfhörern. Die industrielle Rhythmisierung unserer städtischen Lebenswelt mischt sich teils mit den Naturlauten von Regen und Wasser, teils steht sie in scharfem Kontrast dazu. Und wenn gegen Ende der vierzigminütigen Komposition einmal für kurze Zeit elektronische Beats, aufgenommen im legendären Offenbacher Technoclub „Robert Johnson“, durchbrechen, wirkt dies wie eine Befreiung des industriell-maschinellen Pulses durch die Einbindung in Musik.

Was für ein Zufall: Nach dem Hören der CD prasselt das Offenbacher Wetter in Form von Gewitter und Starkregen gegen die Fensterscheibe, während ein Flugzeug über das Haus hinwegdröhnt. Das Klangporträt verlängert sich ins reale Leben.