Stummer Wechsel

Karin Nohr

Stummer Wechsel

Roman

Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main 2018, 214 Seiten, 21,90 Euro
 

Rezension erschienen in üben & musizieren 1/2019

 

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh, gedeihen selten oder nie.“ Das Sprichwort und die Diskussion über seine Varianten – Lehrers Kinder und Pfarrers Vieh? – zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Roman von Karin Nohr. Es bezieht sich nicht nur auf zwei der fünf Hauptfiguren, die Pfarrerstochter (heute Schulrektorin) und den Lehrersohn (heute Schulrat), sondern steht sinnbildlich für uns alle: Der Prägung durch die Familie kann niemand entgehen. Und wie gut wir durchs Leben kommen, hängt entscheidend davon ab, welchen Zuspruch, besonders aber welche Verletzungen wir erfahren haben.

Beschädigt und im Inneren verletzt sind alle fünf Hauptfiguren: sei es durch den Verlust eines Kindes, durch Missbrauch, durch übergroßen Leistungsdruck im Elternhaus… Die Handlung wird immer abwechselnd aus der Sicht je einer dieser Figuren erzählt; eine Technik, die nicht neu ist, aber bei Nohr hervorragend funktioniert. Denn ihr kommt es auf die persönliche Sichtweise ihrer Figuren an, auf die Lebenslügen, die wir uns aufbauen.

Trotz des Titels, der eine Grifftechnik beim Klavierspiel bezeichnet, handelt es sich nicht um einen Musikerroman. Doch Musik und Unterricht spielen eine entscheidende Rolle. Karin Nohr promovierte mit einer musikpsychologischen Arbeit – für üben & musizieren hat sie Fachbeiträge zur Beziehung von MusikerInnen zu ihrem Instrument verfasst – und war lange Zeit als Psychoanalytikerin aktiv, bevor sie sich dem literarischen Schreiben zuwandte. Wie sie die Abhängigkeiten und Machtverhältnisse innerhalb eines Chors zwischen (männlichem) Chorleiter und (hauptsächlich weiblichen) Chormitgliedern beschreibt, ist pointiert und amüsant zu lesen.

Und in gegenseitigen Abhängigkeiten gefangen sind alle Figuren in diesem Roman. Gemeinsam ist ihnen die Sprachlosigkeit: Niemand fragt nach, niemand hört richtig zu. So braucht es ein im wahrsten Sinne des Wortes einschneidendes Erlebnis, um dieses Netz aus Lügen und Verdrängung zu zerreißen: Nach einem Messerangriff auf die Rektorin ist nichts mehr, wie es war. Zwar fehlt es der Krimihandlung, die Karin Nohr in der Mitte des Buchs als dramaturgischen Höhepunkt einbaut, an innerer Logik, doch ist ihre Funktion eine andere. Hier geht es nicht um das „Whodunit?“: Sobald eine Person aus dem Gefüge herausbricht, werden bei allen Beteiligten Kräfte zur inneren Entwicklung freigesetzt.

Auf Karin Nohrs psychologischen Roman im Milieu von Musik und Schule muss man sich einlassen. Manches wirkt überkonstruiert, doch sprachlich bewegt sich die Autorin auf hohem Niveau. Und gerade für Lehrende bietet das Buch viele Anknüpfungspunkte, die eigene Rolle als Lehrkraft zu hinterfragen. Denn es sollte nicht erst zur Katastrophe kommen müssen, damit wir uns selbst finden können. Daher ist es notwendig, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Ängste zu artikulieren – und dem anderen geduldig zuzuhören.