Mondariz

Yorck Kronenberg

Mondariz

Roman

Dörlemann, Zürich 2020, 288 Seiten, 22,– Euro

 

Rezension erschienen in das Orchester 9/2020

 

„An einer Stelle hat der Komponist über den schon ins Choralhafte gesteigerten Klaviersatz das komplette Sopranthema des Beginns geschrieben, nicht aber in das Klaviersystem, […] sondern in eine eigene Notenzeile darüber. Es bleibt offen, ob dieser melodische Rückgriff gleichsam virtuell, also nur ‚gedacht‘ zu bleiben hat […] Oder soll der Pianist singen? Mit zwei Händen spielen lässt sich die Stelle jedenfalls nicht. Dabei markiert sie den Höhepunkt des Stückes, den Übertritt von der Welt des Klangs ins Ideelle oder Transzendente.“

Bei der Komposition, von der hier die Rede ist, handelt es sich um die Klaviervariationen von José Diego Coimbra (1824–1865), der sein Leben lang den Ort seiner Geburt, die im Südatlantik gelegene Insel Mondariz, nicht verlassen und dort ein kompositorisches Werk geschaffen hat, das von äußerlichen Einflüssen unberührt entstand und seiner Zeit weit voraus ist. Coimbra und sein Werk zu erforschen, hat sich der Ich-Erzähler des Romans, ein junger Musikwissenschaftler aus Berlin, auf den Weg gemacht.

Doch ist es nicht seine erste Reise nach Mondariz: Bereits vor zehn Jahren besuchte er die Insel zusammen mit seiner damaligen Freundin. Seit dieser Zeit sind sie ein Paar, doch nun befindet sich ihre Beziehung in einer schweren Krise. So ist der Erzähler nicht nur auf der Suche nach Spuren des Komponisten Coimbra, sondern auch auf einer Reise in seine eigene Vergangenheit.

Yorck Kronenberg ist nicht nur Autor, sondern auch Komponist und Pianist. Seine Sprache ist ruhig, zurückhaltend – und doch erreichen seine Beschreibungen immer wieder einen Grad an Poesie und geheimnisvoller Kraft, die den im Eingangszitat beschriebenen „Geisterstimmen“ Coimbras gleichen.

Wie Coimbra ist auch Kronenberg auf der Suche nach dem „Übertritt von der Welt des Klangs ins Ideelle oder Transzendente“. Unter der Oberfläche des Offensichtlichen stoßen der Autor und sein literarisches Alter Ego des forschenden Musikwissenschaftlers auf Verschüttetes in der Geschichte der Insel Mondariz und ihrer Bewohner. Dass Kronenberg dabei mehr Fragen aufwirft, als Antworten zu geben, ist durchaus sympathisch in einer Zeit, in der zu viele meinen, sie wüssten, was wahr und unwahr ist. Dennoch zerfließt dem Autor die Erzählung gegen Ende, zu viele Ideen werden angerissen, zu viele Stränge flattern unverbunden im Gedankenstrom. In seinem raffinierten Spiel von Fiktion und Realität verliert Kronenberg ab und an das Maß, wenn er etwa im Roman den Ich-Erzähler auf „den deutschen Pianisten Yorck Kronenberg“ treffen lässt.

Der reale Pianist Yorck Kronenberg nimmt immer wieder Kompositionen von Coimbra in seine Konzertprogramme auf – die man bei anderen Pianisten vergeblich suchen wird. Und auch die Insel Mondariz versteckt sich zu gut im Südatlantik, um von uns besucht werden zu können. Doch sind Coimbra und Mondariz deshalb nicht real? „Man kann etwas beschreiben, das es nicht gab“, so Kronenberg. “Aber alles, das man beschreibt, lebensvoll und sinnlich und wirklich beschreibt, gibt es.“