I’ve been looking for Frieden

Maik Brüggemeyer

I’ve been looking for Frieden

Eine deutsche Geschichte in zehn Songs

Penguin, München 2018, 288 Seiten, 10,– Euro

 

Rezension erschienen in üben & musizieren 2/2019
 

„Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir! Wir! Wir!“ Dies ist kein Hetzkommentar im Internet, sondern die erste Strophe des Songs Wir von Freddy Quinn, mit dem er sich 1966 gegen die aufkommende studentische Protestbewegung wandte. Zur gleichen Zeit sangen Liedermacher wie Wolf Biermann oder Franz-Josef Degenhardt gegen den kleinbürgerlichen Muff einer Elterngeneration an, die unfähig war, mit ihren Kindern über die persönliche Verstrickung in die Gräueltaten des Nazi-Regimes zu sprechen.

Wie sich zu allen Zeiten die gesellschaftlichen Strömungen in Liedern widerspiegeln, dies arbeitet Maik Brüggemeyer überzeugend heraus. In zehn Kapiteln (plus Einleitung und Zwischenspiel) lässt er die deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute Revue passieren. Jeweils ausgehend von einem charakteristischen Song mäandern Brüggemeyers Gedanken anhand vieler weiterer Songs durch den jeweiligen Zeitabschnitt, um am Ende jedes Kapitels wieder zum Ausgangssong zurückzukehren.

Brüggemeyers Zeitreise beginnt mit den Capri-Fischern, ein Lied, von dem sich heute niemand mehr vorstellen kann, dass es einst von den Nazis verboten worden war. Einerseits aus dem offensichtlichen Grund, dass die Alliierten an der Westküste Italiens gelandet waren und quasi von Capri aus den Vormarsch gegen Deutschland antraten; andererseits weil der auf den ersten Blick harmlose Text einen Subtext enthält: „Unterbewusst scheinen hier eher Männer in Wehrmachtshelmen auf Fischzug zu sein. Denn das ,Vergiss mich nie‘ spiegelt viel eher die Erfahrungswelt des Soldaten fern der Heimat als die des Fischers…“ Erst nach dem Krieg wandelten sich die Capri-Fischer vom Sehnsuchtslied der Trümmerfrauen, die auf ihre Männer warteten, zum Lied der Italien-Sehnsucht des Wirtschaftswunderlandes.

Ausgehend von der 68er-Revolution boten Ton, Steine, Scherben mit Macht kaputt, was euch kaputt macht – wider Willen! – den Soundtrack zum blutigen Deutschen Herbst, bevor Nena mit 99 Luftballons das Lebensgefühl des Kalten Kriegs mit der allgegenwärtigen Angst vor der atomaren Bedrohung zum Ausdruck brachte. David Hasselhoff lieferte mit I’ve been looking for freedom das passende Lied zum Fall der Mauer, während Xavier Naidoo uns mit Dieser Weg klar machte, warum ein deutsches (Fußball-)Märchen harte Arbeit ist.

Und heute? Brüggemeyer hat den Mut, mit seiner Analyse der deutschen Geschichte bis in unsere Gegenwart zu gehen. Beim Tag der offenen Tür im Kanzleramt 2017 sang die deutsch-polnische Sängerin Balbina: „Ich muss was gegen das Nichtstun tun, denn das Nichtstun tut mir gar nicht gut.“ Besser kann man nicht auf den Punkt bringen, was angesichts der Lähmung unserer Gesellschaft und der Bedrohung unserer Demokratie Not tut.